Geistlicher Impuls

Monatsspruch für den Monat Juni

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Apostelgeschichte 5,29

Liebe Gemeinde,
Stellen Sie sich ein gut gefülltes Wartezimmer vor. Ein einzelner Mann kommt herein und nimmt Platz. Alle fünf Minuten ertönt ein akustisches Signal und zur Verwunderung des Neuen erheben sich alle Wartenden für einige Sekunden und setzen sich wieder. Als das Signal das zweite Mal ertönt, erhebt sich auch der Neue – erkennbar verunsichert – doch ab diesem Zeitpunkt wie die anderen alle fünf Minuten. Stück für Stück leert sich der Warteraum und schlussendlich sitzt der Mann allein im Zimmer. Als das Signal ertönt, steht er auf, obwohl er nicht weiß, warum er das tut und ihn niemand beobachtet. Neue Wartende treten ein und ahmen ihn nach, ohne dass sie wüssten, warum sie bei jedem Signal aufstehen.
Das sinnfreie, grundlose und undurchsichtige Aufstehen ist Teil eines psychologischen Experimentes. Forscher wiesen damit nach, dass wir Menschen oftmals Dinge tun, die allgemein und sogar für uns selbst keinen Sinn machen – nur deshalb, weil die anderen sie tun. Die Wissenschaftler zeigten damit, dass wir uns in Gruppen anpassen, konform gehen und unser Handeln nicht mehr überdenken. Diese Erkenntnis höre ich mit, wenn ich den Monatsspruch für Juni lese: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg 5,29)
Wenn es Menschen doch eigen ist, sich so rege und unhinterfragt anzupassen und in der Masse treiben zu lassen, ohne dass es persönlich Sinn ergibt, wie normal ist es dann für uns, nach Gottes Willen zu fragen? Eher schauen wir darauf, was die anderen machen. Und wer sich diesem Hang widersetzt, steht schnell allein da. Wer sich bewusst einmal nicht nach den anderen richtet, ist schnell orientierungslos verloren. Zweifel drängt sich auf: „Kann das richtig sein, wenn doch alle anderen etwas anderes behaupten?“
Unser Glaube kann uns Orientierung geben, weil wir glaubend nicht nur auf die anderen oder auf den eigenen Vorteil schauen, sondern nach Gottes Willen fragend einen weiten Blick und eine andere Perspektive gewinnen. Ja – das, was alle tun, kann gegen Gottes Willen stehen! Dinge sind nicht automatisch gut, weil sie schon immer so waren und weil die anderen es doch auch nicht besser machen. Das Spannende des Experimentes von oben ist, dass die Versuchspersonen Handlungsmuster selbst dann noch übernahmen, wenn die anderen Menschen, an die sie sich angepasst hatten, schon lange nicht mehr in der Nähe waren – fremdgesteuert vom Gefühl etwas tun zu müssen.
Aus unserer Geschichte wissen wir, wie verhängnisvoll es sein kann, wenn Menschen nur danach schauen, was die anderen tun und sich kein unabhängiges Urteil bilden. Und so ruft uns der Monatsspruch auf, achtsam zu sein und die leisen Gedanken unseres kritischen Geistes ernst zu nehmen.
Möge Gottes Segen darauf liegen.

Pfarrer Marcus Baumgärtner