Geistlicher Impuls

Monatsspruch für den Monat Oktober

Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut. Lukas 15,10

Liebe Gemeinde,
nun ist es soweit! Der Herbst des Jahres 2017 ist angebrochen und damit ist das Hauptdatum des 500. Reformationsjubiläums nahe. Bestimmt haben Sie erwartet, auf dem Titelblatt dieser Kirchennachrichten ein Lutherbild präsentiert zu bekommen. Doch welches wäre angemessen? Ein traditionell-altschlicht Ehrwürdiges oder eher ein provokant Modernes?! Doch nein, nichts dergleichen. Ein Glasfenster grüßt. Entdeckt habe ich es kürzlich im Freiburger Münster (Breisgau). Es stammt aus vorreformatorischer Zeit. Doch der Reihe nach ...
Wenn man diese Kirche betritt und wie gewohnt in Richtung Altar blickt, so sieht man vor sich ein eindrückliches Triumphkreuz. Freischwebend hängt es über dem Altar. Es vereint in sich Karfreitag und Ostern – die Hingabe Jesu und die Überwindung des Todes. Darauf fällt der Blick als Erstes. – War dies nicht die Erkenntnis der Reformatoren, eben gerade den Blick wieder freizubekommen für Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen? Ist dies nicht die bedeutsamste frohe Gnadenbotschaft für uns Menschen? Ja, ganz klar! Immer wieder sind wir gerufen, uns diesem Geschehen anzunähern. Dies ist ein lebenslanger Weg für alle Christen.
Gehen wir weiter ... Schritt um Schritt ... und vielleicht gelingt es Ihnen, sich in die Rolle eines/r Besucher/-in im Freiburger Münster hineinzuversetzen. Je weiter man auf das Kreuz zugeht, desto mehr eröffnen sich neue Einsichten. Zum Beispiel hin zu den Buntglasfenstern in den Seiten. Bei einem dieser „Seitenblicke“ fiel mir das sog. „Barmherzigkeitsfenster“ auf. Es stellt Szenen aus der Rede Jesu vom Weltgericht dar. Diejenigen, die Hungrige gespeist, Dürstende getränkt, Fremde beherbergt, Nackte gekleidet, Kranke gepflegt und Gefangene besucht haben (s. Mt? 25) werden als Erben des Reiches Gottes benannt. Schön und einfach sieht jedes dieser Bilder aus, so als ob es selbstverständlich und gar nicht schwer wäre, diese Dienste der Barmherzigkeit zu erbringen. Was aber auch auffällt: All diese Dienste sind zugleich gehalten und doch freischwebend. Gehalten in den Rippenbögen des Fensters, die jedes Mal ein Herz bilden. Und sie sind frei in dem Licht, das sie umgibt und durchstrahlt. So als ob daran erinnert werden sollte, was es braucht, damit Menschen sich barmherzig begegnen: Ein Herz, das in Liebe gehalten ist und die Kraft, die durch Christus als „Licht der Welt“ jeden dieser Dienste durchstrahlt.
Im Nachsinnen über die aktuelle Bedeutung der Reformation bin ich dankbar für diese Einsichten, die mir ausgerechnet in einem ehrwürdigen katholischen Münster zuteilwurden. Der unverstellte Blick auf Christus verbunden mit dem Blick hin zur Seite, hin zu den Menschen, die Hilfe und Zuwendung brauchen. Christus wird gefunden und bezeugt nicht in Macht und Größe, nicht in stolzen Zahlen, sondern nach wie vor in den Menschen, die Barmherzigkeit brauchen oder die sie verschenken. Dadurch wird Evangelium in eine verständliche Sprache übersetzt. Trauen wir uns in dieser Weise reformatorisch zu glauben und zu handeln.

Pfarrer Andreas Höhne